Fotografie Stilanalyse mit der Picture-Idea-Canvas
Ein Bild fasziniert dich, aber du weißt nicht genau warum. Wie findest du das heraus, ohne dich in losen Gedanken und Notizen zu verlieren?
Wenn mich ein Foto eines anderen Fotografen nicht loslässt, will ich wissen warum. Und: Was steckt da drin, das ich für mich nutzen kann? Das Problem: Notizen darüber enden meistens in einer losen Sammlung von Eindrücken, die ich schon wenige Tage später nicht mehr zusammenbekomme.
Die Picture-Idea-Canvas gibt dem eine Struktur. Acht Felder, die alles abdecken, was ein Bild ausmacht: die Entstehungsseite links (Playground, Activities, Ressourcen), das Bild selbst in der Mitte (Pictures), die Wirkungsseite rechts (Story/Emotions, Presentation, Consumers). Für eine Stilanalyse startest du am besten bei Pictures und arbeitest dich in beide Richtungen vor.
Ich habe eine Analyse des Stils von Philip-Lorca diCorcia gemacht. Passanten, wie von einem Bühnenscheinwerfer aus einer dunklen Umgebung herausgehoben. Kühl und cineastisch lösen seine Bilder immer die Frage aus: ist das echt oder gestellt? Mich hat das nicht losgelassen.
Stilanalyse: Wie das in der Praxis aussieht.
Pictures - ich beschreibe, was ich sehe: einzelne Menschen auf der Straße, isoliert durch dramatisches Seitenlicht. Der Rest des Bilds bleibt dunkel. Der Protagonist weiß nicht, dass er fotografiert wird, wirkt aber trotzdem wie eine Figur in einer Geschichte.
Dann nach rechts, zur Wirkungsseite. Story/Emotions - diCorcia geht es nicht um Dokumentation. Er thematisiert genau diese Spannung: wann ist ein Mensch echt, wann Inszenierung, wann Ware? Das Licht macht die Protagonisten sichtbar und gleichzeitig verletzlich. Der Betrachter schaut genauer hin, weil er nicht sicher ist, was er sieht. diCorcia stellt dabei den "entscheidenden Moment" (Cartier-Bresson) bewusst infrage. Bei ihm ist der Moment nicht erwischt, sondern (zumindest in Teilen) hergestellt.
Dann nach links, zur Entstehungsseite. Playground - Hier sammel ich zuerst alles was sich irgendwie in Quellen, Büchern, Interviews finden lässt. Er sucht sich keine pittoresken Locations. Hochfrequenz-Orte: Rolltreppen, Zebrastreifen, U-Bahn-Ausgänge. Orte, an denen Bewegung vorhersehbar ist. Er definiert eine unsichtbare Bühnenmitte, auf die er Licht und Fokus ausrichtet und wartet. Activities - Zone-Fokus, keine Interaktion, Distanz halten. Die Protagonisten laufen durch seinen Rahmen, ohne es zu wissen. Ressourcen - Teleobjektiv, Stativ, Off-Camera-Blitz. In einer seiner bekanntesten Serien hat er den Blitz an Laternen aufgehängt. Spotmessung auf die Highlights.
Die wesentliche Erkenntnis ist schnell da. DiCorcia arbeitet in einem kontrollierten Rahmen, in dem Zufall stattfinden darf.
Und dann kommt der zweite Teil der Analyse. Ich halte nicht nur fest, was diCorcia macht, ich frage mich, was ich davon für mich übersetzen kann. Die Canvas hat dafür in jedem Feld Platz: erst das Vorbild verstehen, dann die eigene Interpretation danebenstellen.

Die komplette Canvas zur diCorcia-Stilanalyse, mit allen Notizen, kannst du dir hier ansehen.
Was am Ende rauskommt
diCorcia baut sein Licht mit Blitzen und Stativen. Das ist in der Alltagspraxis nicht drin. Aber das Prinzip lässt sich übersetzen: Orte suchen, die von sich aus dramatisches Licht haben - Sonnenschneisen zwischen Häusern, Schaufenster, Werbetafeln, Innenräume mit starkem Einfall von draußen. Dort einen Standpunkt wählen, Zone-Fokus einrichten, und warten. Nicht suchen - fischen.
Für die Orte selbst: Rolltreppen, Zebrastreifen, U-Bahn-Ausgänge. Plätze, an denen sich Bewegung vorhersagen lässt. Eine unsichtbare Bühnenmitte im Kopf definieren, Ausschnitt fertig eingestellt und dann kommt der Protagonist von selbst.
Und wenn kein dramatisches Licht da ist? Farbkontrast funktioniert nach demselben Prinzip. Ein gelbes Kleid in einer grau gekleideten Menge hebt genauso hervor wie ein Scheinwerfer.
Dabei geht es nicht darum diCorcia zu kopieren. Es geht darum Inspiration daraus zu ziehen und auf den eigenen Alltag zu übersetzen. Dafür ist die Canvas dein Werkzeug.
Und jetzt du
Vielleicht hast du auch ein Bild im Kopf? Eines von jemand anderem oder eines von dir selbst, das dich nicht loslässt. Häng's auf der Canvas auf. Du musst nicht alle Felder befüllen. Oft reichen drei, vier Notizen in angrenzenden Feldern, um aus einem Bauchgefühl eine Spur zu machen, der du folgen kannst.
Newsletter-Abonnent*innen können die Picture-Idea-Canvas kostenlos testen. Schreib mir, wie du sie nutzt und was du dabei rausfindest. Ich bin ebenso neugierig wie du.