Location Scouting mit der Picture-Idea-Canvas

Die Location spielt in der Streetfotografie eine wichtige Rolle. Eine systematische Auseinandersetzung kann sich auch fotografisch lohnen. Wie du Eindrücke zu einer Location in fotografische Ideen verwandelst?

Die Picture-Idea-Canvas eignet sich ideal für Location-Scouting oder um eine Location so richtig schön zu "durchdenken". Es lohnt sich z.B., wenn man eine Location nur einmal besucht und das Maximum rausholen will. Oder, in der Heimat, in der man beim Streetwalk das Gefühl hat "nichts mehr zu sehen". Kennst du diese Orte?

Die Freiburger Bächle sind so ein Ort. Mittelalterliche Wasserläufe, die sich durch die Innenstadt schlängeln, gespeist vom Dreisam. Fast 16 Kilometer insgesamt. Jeder, der schon mal in Freiburg war, kennt sie - meistens weil er hineingetreten ist (dann muss man eine:n Freiburger:in heiraten, heißt die Legende, ich sag's nur). Als Motiv sind sie fast zu naheliegend. Touristen fotografieren die bunten Spielzeugboote, Einheimische sitzen mit einem Kaffee am Rand, Kinder waten durch. Aber irgendwie kommt selten mehr raus als Postkarte. Ein Freiburger hat beim Meet&Street genau das erzählt. "Ihr seht da noch was. Für mich ist es Alltag."

Ich habe die Picture-Idea-Canvas als Notizblock genommen, um die Location "Freiburger Bächle" mal in fotografisches Potenzial zu zerlegen.

Was dieser Ort einem anbietet

Beim Location Scouting fange ich auf der Canvas mit dem Feld Playground an. Was hat dieser Ort, womit kann ich arbeiten? Bei den Bächle ist das Angebot groß: die Wasserläufe selbst als Linien, die durch die Stadt führen. Die handgefertigten Spielzeugboote des REHA-Vereins in verschiedenen Farben. Cafés und Bars mit Sitzgelegenheiten direkt am Wasser, Kissen auf den Stufen. Übergänge, Türschwellen, Einfahrten - Leute müssen da durch, Bewegung ist vorhersehbar.

Und dann: Müll. Treibende Flaschen, ein vergessener Schuh, Eisbecher. Das steht auch auf meiner Canvas, und ich halte das für wichtig. Ein Ort, der nur pittoresk ist, gibt auch nur pittoreske Bilder her.

Activities kommt direkt danach - wie bewege ich mich dort? Beobachten ist die naheliegende Antwort, aber zu wenig. Hinsetzen, einen Drink kaufen, Füße ins Wasser. POV-Aufnahmen. Vielleicht sogar aus dem Wasser heraus, wenn ich die Technik dafür habe. Froschperspektive knapp über dem Wasser, Vogelperspektive von erhöhter Position. Die Perspektiven konkret notieren, bevor ich am Ort stehe und mich wieder in die offensichtlichste Einstellung rette.

Unter Ressourcen steht auf meiner Canvas garnicht viel. Das übliche Equipment für Streetfotografie reicht völlig aus. Auch ein Smartphone. Wer gerne etwas mehr experimentiert, könnte mit einem "Water-Case" oder wasserdichter Technik für ungewöhnliche Perspektiven sorgen. Und der Bächle-Plan der Stadt, der zeigt, wo welcher Wasserlauf liegt - manche Stellen sind enger, manche breiter, manche im Schatten, manche in der Sonne.

Was ich vor mir sehe: Wunschbilder. Inspiration. Potenzial.

Erst dann kommt das mittlere Feld: Pictures. Was sehe ich vor mir, wenn ich mir die Bächle vorstelle? Inspiration aus Social-Media. Blickführung entlang der Wasserläufe. Linien, die den Blick führen. Den typischen Innenstadt-Alltag, der um die Wasserläufe herum stattfindet - das, was ich Daily Traffic nenne.

Das ist der Unterschied zur Stilanalyse (die ich im letzten Artikel beschrieben habe): dort starte ich bei den Bildern und arbeite mich in beide Richtungen vor. Beim Location Scouting starte ich bei der Bühne und arbeite mich zum Bild vor.

Ausgefüllte Picture-Idea-Canvas zum Location Scouting der Freiburger Bächle

Die Bächle-Canvas, mit allen Notizen, kannst du dir hier ansehen.

Welche Atmosphäre bieten die Bächle an? Was können diese Bilder transportieren?

Auf der rechten Seite der Canvas steht, was die Bilder beim Betrachter treffen sollen. Story/Emotions bei den Bächle: Geselligkeit, Freude, Entspannung. Gemeinschaft. Kultur auf der Straße. Ich habe dort auch notiert: Spielplatz für alle Altersgruppen. Wenn das stimmt, müssen auch alte Menschen auf den Bildern sein, nicht nur Kinder und Touristen.

Unter Consumers stehen zwei Gruppen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: Freiburger und Touristen. Für Einheimische sind die Bächle lokale Identität - Hochzeits- und Portrait-Hintergrund, etwas, das sie kennen und besitzen. Für Touristen erzeugen Bilder Vorfreude, Sehnsucht und Erinnerungen.

Was rauskommt, wenn man sich so vorbereitet

Die Canvas gibt mir keine fixen Bilder vor. Was sie mir gibt, sind Trigger. So vorbereitet sieht man vor Ort einfach mehr, weil der Geist bereits geschärft ist. In meinem Fall habe ich Eindrücke verarbeitet und hoffe, dass andere Fotografen etwas mit den Notizen anfangen können. Oder ich selbst, wenn ich eines Tages zurückkehre und wieder mit der Kamera am Bächle stehe.

Und jetzt du

Hast du einen Ort, den du für dich fotografisch durchdringen möchtest? Oder fotografische Ideen für einen Ort, die du unbedingt teilen möchtest? Mach eine Canvas dazu. Du musst nicht alle Felder befüllen. Playground und Activities reichen oft als Anfang, um aus ein paar losen Ideen, Eindrücken und Artefakten der Location neue fotografische Ideen zu machen.

Newsletter-Abonnent*innen können die Picture-Idea-Canvas kostenlos testen. Schreib mir, welchen Ort du dir vornimmst - ich bin neugierig, was rauskommt.