🔦 Ist das echt? Was wir von diCorcia für die Straße klauen
Philip-Lorca diCorcia lässt wildfremde Passanten wie Filmstills aussehen. Fünf Dinge, die wir uns davon für unsere ganz normale Streetfotografie abschauen können.
GM ☕️,
ich steig mal mit nem bösen Trigger ein heute: "KI-Bilder sind nicht schlimm." - na? steigt der Blutdruck? :-P Jedenfalls sind es zuletzt immer KI-Bilder wenn jemand aus der Szene ganz empört ruft "Das ist Fake! Alles nicht echt! Böse!" Ich denke dann immer ganz sehnsüchtig an all die authentischen Food-, Stock- und Werbefotografien zurück. So transparent. So ehrlich. Ob die Wahl des Werkzeugs immer gleich auch ein moralisches Thema ist kann man also zumindest in Frage stellen. Ein Fotograf der schon lange vor KI mit genau dieser Spannung aus echtem Leben und inszenierten Motiven spielt, hat mich zuletzt sehr fasziniert. Und darum soll es heute gehen. Liest du trotzdem weiter?
In dieser Ausgabe nehme ich dich mit zu Philip-Lorca diCorcia, dem Mann der wildfremde Passanten wie Filmstills aussehen lässt. Und ich zeig dir fünf Dinge, die wir uns davon für unsere ganz normale Streetfotografie abschauen können.
Los geht's. Es war einmal...
Das Buch vom Kollegen
Ein Arbeitskollege legte mir vor einer Weile „Streetwork" auf den Tisch (danke nochmal dafür!). Philip-Lorca diCorcia. Ich gestehe, kannte ich bis dahin nicht.
Da stehen Menschen mitten in New York, Tokio, Mexiko City. Auf dem Weg ins Büro, nach Hause, zum Einkaufen. Alltag. Und trotzdem stimmt was nicht. Die Leute sind gestochen scharf, fast herausgeschnitten, während die Stadt hinter ihnen ausfasert.
Mein erster Gedanke: ist das echt?
Genau dieser Gedanke ist diCorcias eigentliches Thema. Und ich konnte nicht mehr aufhören, darüber nachzudenken.
Wie kriegt der das hin?
Das Verrückte: Die Passanten sind echt. Wildfremde Menschen, ungestellt, ahnungslos. Nur das Licht ist gebaut. diCorcia hat an öffentlichen Plätzen ganze Blitzanlagen aufgebaut, einen Trigger-Punkt definiert (eine Stelle, auf die alles ausgerichtet ist) und dann aus Distanz mit dem Teleobjektiv gewartet, bis jemand hineinläuft. Die meisten haben den Aufbau nie bemerkt.
Er nennt das „documentary photography mixed with the fictional world of cinema and advertising". Dokumentarisch und kinohaft zugleich. Der so herbeigesehnte "decisive moment" (der entscheidende Moment) wird bei ihm nicht erwischt, der wird hergestellt.
Danach hab ich mir „A Storybook Life" zugelegt. Und da kippt das Spiel komplett. Bilder, die wie zufällig aus dem Alltag gegriffen wirken, sind in Wahrheit sorgfältig arrangiert. Bei „Streetwork" denkst du „surreal", und es ist echt. Bei „A Storybook Life" denkst du „echt", und es ist gestellt.
Können die Bilder trotzdem inspirieren?
Jetzt wird's spannend. diCorcia baut Blitzanlagen in den öffentlichen Raum. Das macht keiner von uns auf einem normalen Fotowalk.
Aber die Wirkung, die er erzeugt, dieser Mensch der aus seiner Umgebung herausgehoben wird, ist vielleicht gar nicht an diese eine Technik gekettet. Wenn ein Bild nur den Eindruck erweckt, da wäre etwas Größeres im Spiel: reicht das nicht schon?
Deshalb hab ich mich hingesetzt und seinen Stil auseinandergenommen. Um zu lernen. Was ist entscheidend für die Wirkung? Was könnte vielleicht auch anders funktionieren?
5 Sachen, die ich mitnehme:
- Licht ist der Hauptdarsteller. diCorcia setzt sein Licht, wir müssen es suchen. Sonnenschneisen zwischen Häusern, Schaufenster, Werbetafeln, ein heller Türrahmen im dunklen Innenraum. Das Motiv rausheben, das Drumherum absaufen lassen.
- Fishing statt Jagen. Such dir einen Lichtspot, bleib stehen, warte bis jemand reinläuft. Position fix, Geduld an. Die Bühne steht schon, die Schauspieler kommen von selbst.
- Belichtung auf die Highlights. Bei harten Kontrasten entscheidet die Belichtung über alles. Ruhig eine Testaufnahme vorab, kostet ja nix.
- Distanz und Tele. Lange Brennweite komprimiert, isoliert den Menschen und lässt dich unsichtbar bleiben. Der Protagonist bleibt ungestört. Und damit echt.
- Der Bauerntrick für Kontrast - Farbe. Keine Blitzanlage? Dann nimm Farbkontrast. Ein gelbes Kleid in einer grau gekleideten Masse hebt einen Menschen genauso raus wie ein Scheinwerfer. Anderes Werkzeug, gleiche Idee.
Wie ich so einen Stil auseinandernehme
Kurzer Blick hinter die Kulissen, wie ich an sowas rangehe.
Ich nutze dafür die Picture-Idea-Canvas, mein Denkwerkzeug für Bildideen. Bei diCorcia bin ich in der Mitte gestartet, beim Bild selbst. Was sehe ich, was macht das mit mir? Dann nach rechts, zu Story und Emotion, also wie das Bild beim Betrachter wirkt (dieses „ist das echt?"). Und erst dann nach links, zur Methode. Welcher Ort, welche Handlung, welches Equipment führt zu genau dieser Wirkung?
Das Schöne daran: aus „ich find die Bilder geil" wird Stück für Stück eine Liste konkreter Dinge, die ich selbst ausprobieren kann. :)
Die komplette Canvas zu diCorcia hab ich öffentlich gemacht, du kannst sie dir hier ansehen. Klick dich ruhig durch die Felder, dann siehst du wie aus einem Stil eine Sammlung von Optionen wird.
Und falls du selbst mal so ein Bild auseinandernehmen willst, ein eigenes, ein bewundertes, oder eins von einer Location die du bereisen möchtest: als Newsletter-Abonnent kannst du die Canvas exklusiv und gratis testen. Reinschauen, ausprobieren, und mir jederzeit schreiben - Feedback, Fragen, Lobgesang.
und sonst so?
- Wer mehr zu diCorcia lesen will: das SCHIRN-Magazin hat zwei schöne Texte zu „Streetwork" und „A Storybook Life".
- Das Meet&Street steht wieder vor der Tür am 11. Juli in Freiburg. Alles was du wissen musst findest du beim Streetkollektiv BlackForestStreet. Ich werde dieses Jahr wohl zum ersten Mal nicht teilnehmen können. :( sad but true
- Die ImagingWorld am 2.–4.10. in Nürnberg hat ihr Programm veröffentlicht und man kann sich Tickets sichern.
Bis bald 👋 Phil