Heimspiel
Samstag, 24. Oktober, Mainz, Spieltag gegen den SV Werder Bremen. Ich war nicht im Stadion, sondern davor. Im Rahmen eines Foto-Workshops bei Kai Behrmann, und mit einer einzigen Aufgabe: schauen, welche Geschichten sich rund um ein Fußballspiel finden lassen.
Also bin ich den Weg ins Stadion mitgegangen und hab gefragt, wer da eigentlich unterwegs ist.

Die erste Antwort kriege ich, bevor wir richtig angefangen haben. Kai demonstriert noch kurz „Wer fragt gewinnt." und spricht vor dem Bahnhof gleich mal eine Gruppe an, um Tipps zu bekommen, wohin wir in der Stadt gehen sollten. Die Damengruppe hat eigene Weinbecher mit. Bedruckt mit dem Schriftzug „Meeenzer Mädls". Warum Mainz? Weil hier alle gut gelaunt und entspannt sind, sagen sie. Mal sehen, ob das stimmt.

Der Spieltag gehört in Mainz erst mal der Stadt. Die Fans mischen sich unter die Leute und bringen Farbe auf die Straßen. Viele stehen vorher auf dem Weinfest am Schillerplatz, Pfälzer Wein im Glas.



Als ich mir selbst eine Weinschorle hole, fällt mir ein Mainzelmännchen-Schal auf. Ich mag es, wenn Fan-Accessoires einen nicht kopierbaren lokalen Bezug haben. Sein Träger stellt sich gern vor die Kamera. Er kommt aus Ulm und geht dort auch regelmäßig ins Stadion. Trotzdem hat er eine Dauerkarte in Mainz. Zweieinhalb Stunden fährt er zu jedem Heimspiel. Heimspiel eben.

Aus Ulm, Dauerkarte in Mainz: zweieinhalb Stunden Anfahrt zu jedem Heimspiel.
Fremde ansprechen ist für mich jedes Mal eine Überwindung. An einem Tisch nimmt mir das jemand ab: Eine Cap spricht mich an, besteckt mit Pins verschiedener Vereine. Andenken an Auswärtsfahrten, erklärt ihr Träger. So sind wir im Gespräch, und ab da fällt es leicht. Er gehört zu einer Familie am Tisch. Sie feiern heute einen Geburtstag. Drei Generationen, die Älteste wird bald 90. Eine von ihnen ist Werder-Fan, die anderen drücken den 05ern die Daumen. Immer wenn sie in Mainz zusammenkommen, geht es gemeinsam ins Stadion. Ein Ritual. Während wir sprechen, wird die Gruppe immer größer.

Drei Generationen, ein Ritual: erst ein Wein in der Stadt, dann ins Stadion.




Pins von fremden Vereinen, Andenken an Auswärtsfahrten. So sind wir ins Gespräch gekommen.
50 Meter weiter komme ich mit drei Männern ins Gespräch. Zwei sind eigentlich 60er-Fans, einer hält es mit den Bayern. Wir reden uns warm über Fußballkultur, über Giesing und die Löwen, wo die Stimmung trotz Zwangsabstieg kaum euphorischer sein könnte. Heute gehen sie gemeinsam ins Stadion, Rot und Blau, und für neunzig Minuten sind sie Mainzer.

Eigentlich 60er und Bayern, heute gemeinsam in Mainz.
Vom Schillerplatz aus nehmen viele die Straßenbahn zum Stadion. Ich laufe zurück zum Bahnhof, eigentlich in der Hoffnung, dort noch ankommende Auswärtsfans zu treffen. Aber ich hab mich in der Stadt zu lange verquatscht. Also direkt rein in einen der Sonderbusse.



Sonderbus Richtung Arena. Jetzt sammeln sich die Fans.
In den Bussen wird es dann enger. Voll, dicht, die Lockerheit vom Schillerplatz ist weg. Jetzt sammeln sich die Fans, der Spieltag zieht sich zusammen auf dieses eine Ziel.

Immer wieder schnappe ich das Wort „Bruchweg" auf, obwohl dort doch seit 2011 nicht mehr gespielt wird. Die Arena liegt, wie so viele neue Stadien, etwas außerhalb, mit Bahn und Bus bestens angebunden. Mit dem Motorrad kann man fast bis vor den Eingang fahren. Hier am Parkplatz treffe ich einen Herrn, der den Verein besser kennt als die meisten hier. Seine Mitgliedskarte stammt aus den Siebzigern, die Dauerkarte hat er seit Jahren. Als Junge hat er selbst bei den 05ern gespielt. Sein größter Moment: ein A-Jugend-Vorspiel im Stadion, vor dem Spiel der Profis. So was vergisst man nicht.







Mitglied seit den Siebzigern. Als Junge spielte er selbst im Stadion, beim A-Jugend-Vorspiel.
Im Stadion wird „You'll Never Walk Alone" gesungen. Dann Anpfiff gegen Werder Bremen. Drinnen geht es los, draußen wird es ruhig.

Drinnen geht es los, draußen wird es still.
Ich sitze schon wieder im Bus, als es nach nur 25 Minuten den zweiten Strafstoß für Bremen gibt. Am Ende steht es 2:3. Immerhin: eine am Familientisch dürfte zufrieden sein.
Und die „Meeenzer Mädls" vom Bahnhof? Hatten recht. Gut gelaunt, entspannt, offen für alle.

In Mainz ist jedes Heimspiel
ein bisschen Heimkommen.